Offener Brief an das BMZ-Referat 114

An die Referatsleiterin Frau Pickel, den Referenten für weltwärts Herrn Lauber,

den Programmsteuerungsausschuss des Gemeinschaftswerks und alle Beteiligten,

Wir, die Teilnehmenden der undjetzt?!-Konferenz 2013, treten mit einem Anliegen an Sie heran, das uns bereits seit mehreren Jahren umtreibt und doch bis heute nicht an Aktualität verloren hat: die geringe Beteiligung junger Menschen ohne Abitur am weltwärts-Programm.

Bereits 2010 forderten Teilnehmende der undjetzt?!-Konferenz in der „Wittener Erklärung“ eine verbesserte Chancengleichheit bei der Teilnahme am weltwärts-Programm sowie eine verstärkte Förderung unterrepräsentierter Zielgruppen.

Für uns sind internationale Freiwilligendienste, wie sie das weltwärts-Programm ermöglicht, eine großartige Gelegenheit, Menschen im Ausland zu begegnen und sich für globale Verständigung und ein tolerantes Miteinander zu engagieren.

Allerdings hat die überwältigende Mehrheit der Teilnehmenden vor dem Freiwilligendienst das Abitur abgelegt. Bereits in der Ende 2010 publizierten Evaluierung des weltwärts-Programms wurde festgestellt, dass die Freiwilligen einer sehr homogenen sozialen Gruppe angehörten, da es sich um „beinahe ausschließlich Abiturientinnen und Abiturienten mit einer hohen sozialen Herkunft“ handele .

Dies widerspricht der Zielsetzung des Programms, das laut dem Bericht „auch junge Erwachsene mit Haupt- oder Realschulabschluss und abgeschlossener Berufsausbildung ansprechen“ soll. Auch auf andere ungleiche Verteilungen geht der Bericht ein:

„Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen auch aus einkommensschwachen Familien stammen sowie aus Familien, die soziale Transferleistungen beziehen, einen Migrationshintergrund haben sowie aus ländlichen Räumen oder den östlichen Bundesländern stammen. Auch junge Menschen mit Behinderungen sollen am Programm teilnehmen. Diese Zielgruppen werden bisher aber kaum erreicht.“

Wir nehmen zur Kenntnis, dass der Missstand von den politischen Entscheidungsträger_innen zumindest als solcher identifiziert und in den Ergebnissen der AG Zielgruppenerreichung des Follow- Up Prozesses treffend dokumentiert wurde. Die Evaluierung sollte die Grundlage für die Überarbeitung des weltwärts-Programmes sein, doch gut 32 Monate nach dieser Feststellung ist für uns noch kein Bemühen ersichtlich, dieses Versprechen seitens des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) auch umzusetzen. Knapp drei Jahre nach dem Evaluierungsbericht scheinen keine Fortschritte sichtbar zu sein. Bis zum heutigen Tag wird die Einsetzung einer Arbeitsgruppe zum Thema Zielgruppe, die sich mit der Behebung dieses Missstandes beschäftigt, immer wieder verschoben.

Wir sind davon überzeugt, dass es nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig ist, dass Menschen ohne Abitur in internationalen Freiwilligendiensten angemessen repräsentiert sind.

Aus eigener Erfahrung kennen wir die wertvollen Erlebnisse während des Freiwilligendienstes und sind der Meinung, dass dies nicht das Privileg einer bevorzugten Gruppe bleiben soll. Ehemalige und aktuelle Freiwillige werden aufgrund dieser Erfahrungen in ihrem persönlichen Umfeld zu Multiplikator_innen des Programms. Um diesen Effekt zu nutzen, sollte es auch im Interesse des Programms sein, möglichst vielfältige Zielgruppen anzusprechen und so die gesellschaftliche Reichweite des Programms zu vergrößern.

Die zuvor genannten Punkte führen uns zu den folgenden Forderungen:

1.    Wir fordern, dass das BMZ zu diesem Defizit Stellung bezieht und erklärt, warum es seiner Verantwortung in dieser Hinsicht nicht nachkommt.

2.    Wir fordern, dass der Programmsteuerungsausschuss umgehend eine Arbeitsgruppe ins Leben ruft, die das Konzept „Diversifizierung des weltwärts Programmes durch soziale Inklusion“ weiterentwickelt und sich für eine größere Heterogenität von Teilnehmenden am weltwärts-Programm einsetzt.

3.    Wir fordern, dass ehemalige Freiwillige des weltwärts-Programms in die Weiterentwicklung dieses Konzeptes und dessen Umsetzung eingebunden werden.

4.    Wir fordern, dass die zuständigen Gremien sich anschließend für die sofortige Implementierung dieses Konzeptes einsetzen, sodass innerhalb der nächsten zwei Jahre eindeutige Fortschritte in diesem Bereich zu verzeichnen sind.

Die Teilnehmenden der undjetzt?!-Konferenz 2013

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